Freitag, 15. Oktober 2010

Mittelschichtsfeminismus

Eine ideologiekritische Betrachtung des Mittelschichtfeminismus

Felizita Asmus

Gleichberechtigung kann zweierlei bedeuten. Zunächst bedeutet sie natürlich formale Gleichstellung, die - was die Gleichstellung von Frauen betrifft - mit den sozialdemokratischen Reformen des Zivilrechts in den siebziger Jahren als weitgehend abgeschlossen betrachtet werden kann. Aber Gleichberechtigung in diesem Sinne ist natürlich noch keine echte Gleichstellung. Darum werden weiter gehende Maßnahmen gefordert, um für Frauen die gleichen Chancen zu schaffen wie für Männer und sie tatsächlich gleichzustellen. Aber die Forderung nach tatsächlicher Gleichstellung ist nicht so unproblematisch, wie sie zunächst erscheinen mag.

Die Forderung nach Gleichstellung der beiden Geschlechter wirft die Frage auf, wie wir Ungleichheit bewerten und bis zu welchem Grad wir sie tolerieren sollen. Tatsächlich fordert kaum jemand die Gleichstellung aller Menschen, in der Weise, wie es Feministinnen und Feministen für Frauen tun. Vielmehr wäre diese Forderung politischer Suizid, wenn sie mit gleichem Ernst in Bezug auf andere Gruppen vorgetragen würde. Es ist wohl unbestritten, dass die Lebenschancen sehr ungleich über die Menschen verteilt sind; es ist messbar: Kinder von Beamten besuchen sehr viel öfter weiterführende Schulen als die Kinder von Angestellten oder gar Arbeitern. Kinder gebildeter, reicher und erfolgreicher Leute werden zumeist selbst solche gebildeten, reichen und erfolgreichen Leute. Und selbst wenn das daran läge, dass gut situierte Leute die intelligenteren und fleißigeren Kinder bekämen - warum sollte es gerecht sein, dass ein dummer Mensch ein weniger schönes Leben hat als ein schlauer? Dennoch fordert kaum jemand diese Ungleichheiten durch geeignete Maßnahmen zu beseitigen und Gerechtigkeit herzustellen. - Nur dass den Frauen Gerechtigkeit widerfahren muss, daran scheint es keinen Zweifel zu geben.

Viele Menschen haben die Intuition, dass Frauen die gleichen Rechte genießen sollten wie Männer, dass sie die gleichen Chancen im Berufsleben und vergleichbar hohe Einkommen haben sollten. Doch so gut sich diese Intuition nachvollziehen lässt und so berechtigt die Forderung nach Gleichstellung grundsätzlich sein mag, so ist sie doch nicht unproblematisch; denn das damit beschworene Postulat der Egalite hat in unserer Gesellschaft allenfalls ausnahmsweise Gültigkeit. Benachteiligungen und Ungerechtigkeiten sind bei uns der Regelfall und werden zumeist - auch von Frauenrechtlerinnen - ohne Widerspruch akzeptiert, und zwar aus gutem Grund. Wir akzeptieren eine ungleiche Verteilung in der Regel dann, wenn sie oder die ihr zu Grunde liegenden Prinzipien insgesamt für alle von Vorteil sind. Ein leistungsfähiges Wirtschaftssystem, das ohne die durch ungleiche Verteilung möglichen "`Anreize"' funktioniert, ist noch nicht erfunden. Aber auch die Unterschiede, die nicht durch unser Wirtschaftssystem verursacht oder gerechtfertigt sind, werden wir vernünftigerweise nicht um jeden Preis aufheben wollen. Zum Beispiel könnten wir versuchen, echte Chanchengleichheit über das Bildungssystem herzustellen. Aber das wäre unvorstellbar teuer, wenn wir es mit allem Ernst täten. Also begnügen wir uns damit, Chancengleichheit nur ansatzweise herzustellen, so dass die Früchte dieser Bemühungen vielleicht sogar ihren Preis wert sind.

Wenn wir eine Gleichverteilung aller wertvollen Güter erzwingen wollen, entstehen Kosten. Diese Kosten können so hoch sein, dass selbst bei gleicher Verteilung des restlichen Sozialprodukts auch die Ärmsten weniger haben als zuvor. Und darum sollten wir gewisse Unterschiede tolerieren - ob sie nun Status, Einkommen oder was auch immer betreffen. Und tatsächlich diskriminieren wir nach Bildung, Fleiß, Intelligenz, Alter, Gesundheit und fast allem, das Menschen unterschiedlich macht. Wer genau hinsieht, wird feststellen, dass die Diskriminierung nach dem Geschlecht nicht die wichtigste ist; die Diskriminierung nach dem Geschlecht ist - von Ausnahmen abgesehen - nicht einmal direkt nachweisbar, sondern überwiegend Interpretation statistischen Materials. Jedenfalls hat eine aus der oberen Mittelschicht stammende Frau heute deutlich bessere Lebenschancen als Männer (oder Frauen) aus der Unterschicht, und zwar bezüglich Bildung, Beruf, Einkommen, privatem Glück und einigem mehr.

Nun könnte hiergegen eingewandt werden, dass die Diskriminierung nach dem Geschlecht eben nicht dadurch gerechtfertigt ist, dass sie allen nützt, dass im Gegenteil Frauen auch dann benachteiligt werden, wenn sie besser qualifiziert sind. Aber selbst wenn das in nennenswertem Umfang der Fall wäre, sollten wir nicht Gleichstellung fordern, sondern mit Nachdruck fordern, dass die allgemein gültigen und akzeptierten Auswahlkriterien auch für Frauen gelten sollen. Es wäre glücklich gefügt, wenn wir Gleichbehandlung erzwingen könnten. Aber das können wir nicht - nicht ohne Kosten. Maßnahmen gegen diskriminierendes Verhalten Einzelner würden neben der erwünschten Wirkung immer auch unerwünschte Nebenwirkungen haben.

So wird zum Beispiel gefordert, bei der Besetzung von Stellen aus einer Zahl gleich qualifizierter Bewerber immer eine Frau auszuwählen. Etwas schärfer heißt die Regel Frauen bevorzugt einzustellen, was auch ehrlicher ist, denn Bewerber sind so gut wie nie gleich qualifiziert, es sein denn, es ginge darum, den Posteingang in Fächer zu sortieren. Aber um diese Stellen streiten die Feministinnen ja gar nicht. Was aber würde es kosten, diese Forderung auch wirklich durchzusetzen? Wenn man es der Willkür der Einstellenden überließen, wann zwei Bewerber gleich qualifiziert sind, würde vermutlich gar nichts passieren. Also muss man als erstes Willkür ausschließen, indem man das Verfahren formalisiert, die Kriterien für die Beurteilung der Bewerber schon im Vorfeld begrenzt und gewichtet. Vor allem wären weitere Personen an dem Verfahren zu beteiligen. Die Nachteile sind offensichtlich: Natürlich gibt es immer klare Vorstellungen, welche Anforderungen die Bewerber erfüllen sollen. Aber immer bringen die Bewerber mehr nützliche Eigenschaften mit, als man hat erwarten können. In einem streng formalisierten Verfahren kann dies natürlich nicht berücksichtigt werden; sonst würde es auch niemals zwei gleich qualifizierte Bewerber geben. Und dann kostet dieses Verfahren auch mehr Geld. Der Staat beschäftigt unzählige Frauenbeauftragte und unterstützendes Personal ganz wesentlich auch für diesen Zweck, während die Schulen und Universitäten, die Polizei und die Streitkräfte unter Personalmangel leiden. Der größte Nachteil dieses Verfahrens aber ist, dass Bewerber für gleich erklärt werden müssen, die es einfach nicht sind. Und in etwa fünfzig Prozent dieser Fälle werden Männer höher oder breiter qualifiziert sein. Trotzdem sollen in hundert Prozent dieser Fälle Frauen eingestellt werden.

Es ist wohl überflüssig zu erklären, dass es keinen Grund gibt, Frauen für weniger begabt und leistungsfähig zu halten als Männer. Darum sind Frauen und Männer gleichberechtigt und werden auch in Auswahlverfahren üblicherweise nicht anders unterschieden, als nach den messbaren individuellen Merkmalen, wie Alter, Gewicht, Intelligenz, Fleiß, Belastbarkeit usw. Dass Arbeiterkinder im Durchschnitt mindestens genauso intelligent sind wie Kinder von Beamten wissen wir spätestens, seit Johannes Rau es ein paar Mal erwähnt hat. Aber welche Kosten wollen wir tragen um zu erzwingen, dass sich das auch in der Zusammensetzung der Akademikerschicht widerspiegelt? In den 70er Jahren war man immer noch bereit, das Schulsystem umzukrempeln und die Gesamtschule und die Orientierungsstufe einzuführen. Nun aber sieht man, dass diese Maßnahmen zwar mit Kosten verbunden sind, aber kaum die gewünschten Erfolge bringen, und zumindest das Ende der Orientierungsstufe ist nahe. Arbeiterkindern bieten wir die gleichen Chancen. Aber dass sie diese gleichen Chancen nicht mit dem gleichen Erfolg nutzen können wie ihre Kameraden, deren Eltern höhere Beamte und gut verdienende Angestellte sind, nehmen wir mit vornehmer Gelassenheit hin.

Ungleichheit mögen wir noch immer nicht. Aber Gleichheit um jeden Preis zu erzwingen nützt am Ende nicht einmal denen, die davon eigentlich profitieren sollten.

Wer aber Gleichheit fordert, darf das zunächst einmal nicht willkürlich auf eine Gruppe beschränken, wie karrierebewusste Frauen besonders in der Politik und an Universitäten dies tun. Und schon gar nicht darf frau so tun, als ob Gleichheit der beiden statistischen Gruppen von Frauen und Männern, das heißt Gleichheit dieser beiden Gruppen bezüglich der Verteilung auf Berufe, Einkommensgruppen usw. ein wichtiges Anliegen aller Frauen sei. Viel wichtiger als das wäre für eine einfache Arbeiterin (und die Mehrzahl aller Frauen) die gesellschaftliche und politische Aufwertung der unteren Schichten und Einkommensgruppen, die Verbesserung vor allem ihrer finanziellen Situation. Und das wäre nur zum Nachteil der Akademiker- und Beamtenschicht möglich.

Aber es wird nicht Gleichstellung für die gefordert, die am meisten aufzuholen hätten. Es werden neue Stellen für Akademikerinnen geschaffen; Universitäten und Kommunen werden gezwungen, Frauenbeauftragte einzustellen; Frauenforschung wird betrieben und neue Stellen in der Politik geschaffen. Die Forderungen der Feministinnen erscheinen vor diesem Hintergrund als durchsichtiger Gruppenegoismus von Akademikerinnen mit unbefriedigenden Berufsaussichten und als geschlechtsunspezifisches Mittelschichtverhalten insofern, als dies ein weiteres Beispiel dafür zu sein scheint, wie akademisch gebildete Vertreter der Mittelschicht mit raffinierter Strategie weitere Berufsfelder und neue Pfründe für ihresgleichen und auf Kosten auch der unterprivilegiertien Schichten für sich auftun. Gleichheit aller Frauen, gleiche Rechte und Lebenschancen für Frauen aller Schichten, aller Bildungsgruppen usw. fordern Politikerinnen, die auf der Emanzipationswelle reiten, selbstverständlich nicht, Wenn sie die Gleichheit zu weit trieben, wären sie selbst bei denjenigen, die abzugeben hätten.

Wer Gleichheit fordert, muss bereit sein sie ohne willkürliche Einschränkungen zu vertreten; sonst verliert er jeden Anspruch gehört zu werden. Aber noch wichtiger sind die Kosten der Gleichstellung. Auch Frauen profitieren von nichts mehr als von einem optimalen Einsatz der Produktivkräfte und dem daraus resultierenden Wirtschaftswachstum. Vollkommene Gleichheit aller ist gegenwärtig nicht im allgemeinen Interesse, und es ist auch nicht im Interesse der Frauen, dass viele der Maßnahmen zur Frauenförderung Geld kosten, das dann an anderen Stellen fehlt. Es ist sogar denkbar, dass viele Frauen von der Frauenförderung, wie sie heute betrieben wird, weniger profitieren als von einer geschlechterneutralen Förderung sozial schwacher Bürger - etwa in Form von Wohngeld oder Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahmen.

Schließlich fordern viele Politikerinnen und auch einige Politiker den Frauenanteil im Parlament zu erhöhen. Einige Parteien haben intern sogar Quoten eingeführt. Aber werden Frauen jetzt besser vertreten? - Wohl kaum. Besser vertreten ist jetzt allenfalls die wohl situierte Mittelschicht. Wer es mit der angemessenen Vertretung durch das Parlament ernst meinte, würde fordern, dass ein bestimmter Prozentsatz der Bundestagsabgeordneten Fabrikarbeiterinnen, Rentnerinnen, Obdachlose und Schwerkranke sein sollten. Aber um Gleichberechtigung, wie sie naiverweise verstanden werden könnte, geht es ja nicht. Es geht um die Gleichstellung von Mittelschicht-Frauen und Mittelschicht-Männern. Bezahlen aber sollen die anderen.

Kommentare:

Wolfgang A. Gogolin hat gesagt…

Wenn Gleichberechtigung etwas NICHT bedeutet, dann sicher Gleichstellung. Gleichberechtigung hat nämlich Chancengleichheit zum Inhalt, d.h. gleiche Startbedingungen. Gleichstellung hingegen meint Ergebnisgleichheit, wie an der Forderung nach gleichem Lohn für angeblich 'gleichwertige' Arbeit abzulesen ist. Mit so einer Forderung nach Gleichstellung könnte man auch gleiche Noten für sämtliche Schüler verlangen - schließlich bekommen sie auch die gleichen Aufgaben.
Insoweit bedeutet Gleichstellung das glatte Gegenteil von Gleichberechtigung, da ist den Feministinnen ein schöner sprachlicher Trick gelungen, weil die Wörter recht ähnlich klingen.

Anonym hat gesagt…

Ich sehe dies in ähnlicher Weise. Ich glaube, mit der rechtlichen Gleichstellung wäre für die allermeisten Frauen die Sache erledigt gewesen.

Das Problem haben zumeist nur und jetzt werde ich politisch inkorrekt, radikal lesbische Genderinnen. Das ist ein Faktum.

Es lässt sich nicht anders erklären, warum Jungen nicht mehr jungenhaft sein dürfen/sollen, Mädchen jedoch mehr. Der logische Weg wäre doch, den Mädchen ermöglichen auch jungenhaft zu sein insofern sie das wollen aber nicht die Jungen daran zu hindern, dies weiterhin zu sein und umgekehrt. Die große Angst der Genderinnen ist doch, dass dies nicht funktioniert und damit widerlegen sie sich selber.

Irgendwann wird die Welt erkennen, dass es sich hierbei um ganz einfach gestörte Menschen handelt, nicht mehr und nicht weniger. Insofern hat das psychologische Konzept einer Störung, zur Sicherung des Artbestandes weiterhin Notwendigkeit. Eine kleinste Minderheit kann nicht auf Dauer die Mehrheit beherrschen.

Nocheinmal. Gleichberechtigung, Toleranz JA; es hat nicht zu interessieren ob hetero-, homo- oder bisexuell, männlich oder weiblich. ABER 97% der Männer und rund 98% der Frauen sind nun einmal heterosexuell orientiert.

Da braucht kein mündiger Mensch "um"erzogen werden. Mit welcher Rechtfertigung in einer, von ihnen geschaffenen, postmodernen Welt ohne absolute Wahrheit?

Ein weiterer interessanter Gedankengang. Wenn die Genderinnen von der Austauschbarkeit der Rollen, auch in einem sexuellen Sinne handeln, dann müssen sie auch gegen die längst von der Homosexuellenbewegung eingebrachten und mittlerweile als Konsensus anzusehenden Aussage einer angeborenen homosexuellen Orientierung, opponieren.

Stört das die Homosexuellenbewegungen nicht?