Montag, 15. Oktober 2007

Männer zwischen Familie und Beruf

Dieter Schnack, November 1997

Vortrag auf der Tagung "Eine Zukunft für Frauen und Männer", 12.-14. November 1997. Vollständige Dokumentation der Tagung

Männer zwischen Familie und Beruf

Vor einiger Zeit hielt ich bereits schon einmal einen Vortrag über dieses Thema. Der damalige Titel lautete: „‘Hosianna Babypause!’ Zur voraussichtlichen mentalen Entwicklung von Boris Becker im Jahr der Familie nebst einigen Anmerkungen zur Vereinbarkeitsdebatte". Ein lustiger Titel, nicht wahr? Also, Boris Becker. Ich hielt den Vortrag auf einem Mütterkongreß in der Nähe von Frankfurt. Das kam total gut an. Über 400 Mütter, ich vorne als Referent, und die hatten richtig Spaß, als ich da meine Witze über Boris machte. Daß er, wenn er verloren hatte, immer bei der Pressekonferenz erzählte, er hätte halt in der Nacht so verdammt schlecht geschlafen. Und daß die Hannelore Rönsch, die damalige Familienministerin, ihn über den Klee lobte, weil er ein paar Pakete Windeln lang eine Babypause eingelegt hatte.

Strategisch gesehen war es gar nicht schlecht, von Boris zu erzählen. Die Mütter wußten nämlich sofort, daß ich ein selbstloser Freund der Mütter und der Frauenbewegung bin. Also ein ganz, ganz anderer Mann als Boris Becker zum Beispiel. Jedenfalls wurde ich mit viel Beifall bedacht, nachdem ich auch noch schwer engagiert angemerkt hatte, daß es die Frauen auch nicht einfach haben und wir Männer uns Gedanken machen, uns kümmern und was weiß ich nicht alles müssen. Danach gab es ein Mütterkabarett, ein leckeres Mittagessen, dann fanden Arbeitsgruppen statt mit Themen wie „Sag mir, wo die Väter sind" usw., also es war ein schöner Kongreß.

Ich erzähle das ein bißchen belustigt, weil ich heute einen solchen Vortrag nicht mehr halten würde. Schon den Titel würde ich nie mehr wählen. Die eigentliche Aussage lautet ja: Boris Becker ist ein Blender und ganz offensichtlich auch ein schlechter Vater. Etwas anderes kann man gar nicht herauslesen. Für diese Aussage gibt es übrigens nicht die Spur eines Beleges. Ich weiß von Boris Becker nur, daß er beim ATP-Turnier in Frankfurt ein hervorragendes Tennis gespielt hat. Sonst weiß ich überhaupt nichts.

In Wahrheit erfüllte dieser Titel ausschließlich eine psychische Funktion, und zwar vor allem für mich als Vortragenden. Es ist ein Kotau an die Frauen, die in der Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zweifelsfrei den Ton angeben. Mein lustiger Titel ist – zumindest symbolisch – nichts anderes als eine Voraberklärung über die Schuld des Mannes an der ganzen Misere. Eine Art Entree, um überhaupt mitreden zu können. „Guten Tag, ich bin nicht auf der Seite der Männer."

Was ich hier am eigenen schlechten Beispiel schildere, ist in dieser Diskussion an der Tagesordnung, was ich anhand von Titeln illustrieren will. Inzwischen bin ich nämlich felsenfest davon überzeugt, daß sich die Rahmenbedingungen der Diskussion ändern müssen, damit ein wirklicher Dialog stattfinden kann. Also bevor wir über „Männer zwischen Familie und Beruf" reden, müssen wir uns ansehen, an welchem Punkt wir eigentlich in diese Diskussion einsteigen.

„Sag mir, wo die Väter sind" heißt ein sehr populäres Buch von Cheryl Bernard und Edith Schlaffer zum Thema. Ja, wo laufen sie denn? Sind alle bei Tchibo Kaffee trinken? Auf Montage in Novosibirsk? Im Krieg geblieben? Über Gräbern weht der Wind?

Im letzten Monat fand eine Tagung in Frankfurt statt: „Aktive Vaterschaft – eine Fata Morgana?" Die Frage lautet nicht: Wie geht es wohl Paaren, die sich ihre Aufgaben ein wenig anders als üblich einteilen, wie kommen sie zurecht? Sondern: Bringen es die sogenannten „neuen Väter", oder ist doch alles nur Schwindel? Noch letzte Woche rief mich eine Rundfunk-Redakteurin an. Sie mache eine Sendung über „neue Väter", ob „es sie wirklich gibt und so" und ob ich da nicht als Experte etwas dazu sagen könnte... Ich habe ihr gesagt, ich könne ihr leider nicht weiterhelfen, weil ich persönlich nicht mehr so neu sei, sondern im Gegenteil immer älter würde, und ob sie es schon einmal bei der Yeti-Forschung probiert hätte. Wir sind uns natürlich nicht so ganz einig geworden.

Anfang Dezember 1997 wurde in Schwerte auf einer großen Tagung über Väter debattiert. „Familie haben oder leben wollen. Fragezeichen – Anfragen an die Männer." Mir fiel dazu ein: Wo stehst Du, Kamerad? Mal was von Erich Fromm gehört? Nein? Dir werden wir auch noch die Hammelbeine langziehen!

Apropos Hammelbeine. Zwei Tage später ging es auf Einladung der Friedrich-Ebert-Stiftung in Heidelberg weiter, unter dem eher neutralem Titel: „Väter in Beruf und Familie?" Nein, ist doch nicht so neutral. Ist nämlich ein Fragezeichen dahinter. Ohne das geht es offenbar nicht.

Interessant war die Einladung. Sie begann mit den Worten: „Für Mütter ist es mittlerweile selbstverständlich, sich mit ‘beiden Beinen’ in Beruf und Familie zu bewegen. Väter hinken dagegen der Entwicklung ‘einbeinig’ hinterher." Zum Schluß – das Bild vom Einbeinigen gefiel den Autoren der Einladung offenbar sehr gut – heißt es: „Wir erhoffen uns durch diese Veranstaltung vielfältige Anstöße, wie Väter besser als bisher nicht nur ‘humpelnd’, sondern mit ‘beiden Beinen’ sowohl im Beruf als auch in der Familie stehen."

Ich habe im Prospekt nachgesehen, ob die Tagung in Kooperation mit der Aktion Sorgenkind stattfindet, das ist aber nicht der Fall. Allerdings mache ich mir ein wenig Sorgen um die ganzen einbeinigen Väter, die da demnächst in Heidelberg „vielfältige Anstöße" bekommen sollen – ich hoffe ja, daß die Friedrich-Ebert-Stiftung eine gute Ambulanz hat.

Ein letztes Beispiel. Im vergangenen Monat fand im Soester Landesinstitut für Schule und Weiterbildung Nordrhein-Westfalen eine berufliche Fortbildung statt mit dem Titel „Mit Familien Gesellschaft bilden", an der etwa achtzig Personen teilnahmen, die in Nordrhein-Westfalen in der Familienbildung tätig sind. Zu Beginn der Tagung versuchten wir darzustellen, welche unterschiedlichen Bilder von Familie wir haben. Einzelne Teilnehmerinnen und Teilnehmer konnten aus dem lebenden Material der anderen Leute sogenannte Familienskulpturen stellen, die wir uns ansehen und über die die wir sprechen konnten. So entwickelten sich nach und nach etwa zehn Skulpturen.

In allen Skulpturen war der Vater der Idiot, die Pfeife, der Desinteressierte, der Verursacher der Not. Welche Dramen sich unter seinem Dach auch abspielen mochten, er bekam sie entweder nicht mit oder war der Situation nicht im mindesten gewachsen. Er stand mit seinem Auto im Stau oder mit Kumpels in der Kneipe. Mit verschränkten Armen hielt er sich abseits, weil er ja sowieso nie Kinder hatte haben wollen. Oder er wandte den Seinen telefonierend den Rücken zu.

Die Mütter in diesen Skulpturen ächzten unter den Mühen der Familienarbeit, an jedem Bein mindestens ein jaulendes Balg, Käthe Kollwitz – mäßig, bewegungslos, leidend. In zwei Skulpturen wurden Mütter dargestellt, die gerade dabei waren, sich von der Last zu befreien, nach dem Motto: „Jetzt mache ich es allein!" Die Stilrichtung dieser Skulpturen war eindeutig – sozialistischer Realismus. Jeanne d’Arc auf der Barrikade. Bergarbeiterstreik oder so ähnlich.

Je mehr Familienbilder ich zu sehen bekam, desto ärgerlicher wurde ich. Ich dachte, so schlecht, wie es hier scheint, sind wir Väter doch gar nicht, so abgeneigt, sinnlos, uninteressiert. Ich kenne doch so viele Väter, die sich um ihre Familie sorgen und kümmern, wir stehen doch nicht nur im Stau! Während ich immer mehr in mich hineingrummelte, wurde die letzte Skulptur gestellt, die auf den ersten Blick etwas Versöhnliches hatte.

Ich sah Mann und Frau nebeneinander. Er hatte den Arm um sie gelegt, ein schönes Paar. Vor ihnen vier offenbar jüngere Kinder, die sich an einem Kicker vergnügten. Der Vater deutete mit seiner freien Hand an, daß er gerne mit den Kindern kickern würde. Dann war noch eine dritte Gruppe zu sehen. Ich dachte, daß sind schon größere Kinder, die die Köpfe zusammenstecken und sich über ihre eigenen Angelegenheiten unterhalten. Astreiner Samstagnachmittag, dachte ich, verdammt noch mal, solche Familien gibt es doch auch! Und der Vater mittendrin!

Dann wurde die Skulptur erklärt. Die Gruppe, die ich für Heranwachsende gehalten hatte, waren in Wirklichkeit Oma und Opa mit der Mutter, die sich um die armen, alten Leute kümmerte. Und das schöne Paar im Zentrum der Skulptur, das war der Vater mit der Schwägerin. Mit der ging er nämlich fremd.

Man muß zum Hintergrund dieser Geschichte wissen, daß eines der wichtigsten Probleme der Familienbildung darin gesehen wird, daß sie nur schwer aus der Tradition von Mütterschule und Frauenbildung herauskommt. Inzwischen ist ein groß angelegtes, vom Bund finanziertes Forschungsprojekt abgeschlossen worden, in dem untersucht wurde, auf welchen Wegen Männer und im besonderen junge Väter angesprochen werden könnten. Ich verstand nach diesem Vormittag ganz gut, warum die Väter kaum in Familienbildungsstätten auftauchen.

Mit solchen Geschichten ließe sich gewiß die ganze Tagung füllen. Verallgemeinernd möchte ich folgendes sagen: Heutzutage werden die Väter zwar ständig in ihrer großen Bedeutung für das Wohl und Wehe der ihren beschrieben, aber gleichzeitig in einer Art und Weise demontiert und angegriffen, die ich für ausgesprochen kontraproduktiv halte und über die ich mich in zunehmendem Maße ärgere.

Als eine extrem negative Folge dieser umfassenden Abwertung der Väter sehe ich die in den vergangenen Jahren deutlich steigende Zahl von Trennungen, in deren Folge Vätern jeglicher oder fast jeglicher Kontakt zu ihren Kindern vorenthalten wird. Jede dieser Trennungen ist eine ganz persönliche Geschichte von Schmerz, Enttäuschung, Wut, Schuld, gestörter Kommunikation usw., gewiß. Aber gleichzeitig existieren natürlich kulturelle Muster, scheinbar allgemeingültige Bilder und Überzeugungen, vor deren Hintergrund das persönliche Leben abläuft.

Wie allgemein in unserer Gesellschaft über Väter gedacht wird, spielt meines Erachtens eine nicht unerhebliche Rolle dabei, daß immer mehr Väter nach Trennungen völlig abgewertet werden. Sie haben alles falsch gemacht, und so, wie sie waren und sind, sollen sie nicht einmal das Recht haben, ihre Kinder zu sehen.

Gerade Männer, die sich sehr auf das Berufsleben konzentriert haben, stehen in der Gefahr, daß ihnen jeglicher Wert für ihre Familien und ihre Kinder abgesprochen wird. Die ganze Zeit haben sie sich nicht um ihre Kinder gekümmert – und nun wollen sie sie auf einmal sehen! Daß sie sich ums Geldverdienen gekümmert haben, wird als Beitrag zur Familie wegdefiniert.

Nun lautet eine unausgesprochene Grundannahme der Diskussion über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf: wenn die Männer sich endlich ändern würden, dann wären die Dinge zum besseren bestellt. Die Frauen haben ihren Beitrag geleistet, jetzt sind mal die Männer dran.

So wie es in der eben zitierten Tagungsausschreibung heißt: die Frauen stehen heutzutage selbstverständlich mit beiden Beinen in ihrem Leben, und wenn ihnen das manchmal so erbärmlich schwer wird, dann wird es gewiß an ihren humpelnden Hinkegatten liegen.

Im Vordergrund der Diskussion steht nicht die Frage, wie es Männern im Spannungsfeld zwischen Familie und Beruf ergeht. Vielleicht nicht von der Intension her, aber hintergründig geht es, so wie die Dinge liegen, nach meinem Dafürhalten darum, daß ihnen endlich Beine gemacht werden sollen.

Zum Thema: Männer zwischen Familie und Beruf. Ich möchte von zwei Paaren erzählen.

Beginnen möchte ich mit dem ersten Vater und der ersten Mutter im ganzen Land, also mit meinen Eltern. Die beiden haben über vierzig Jahre bis zum Tod meiner Mutter und zur Berentung meines Vaters eine für ihre Zeit typische traditionelle Arbeitsteilung gelebt. Mein Vater war Drucker von Beruf in der metallverarbeitenden Industrie. Er bedruckte Kronkorken, Lackdosen, Sauerkrauteimer, nach dem Krieg erst von acht bis 17 Uhr, dann im Zweischicht- und dann schließlich im Dreischichtsystem. Die IG Metall war eine gute Gewerkschaft, und irgendwie hatten die Drucker in dem ganzen Produktionsprozeß eine wichtige Funktion. Jedenfalls hat mein Vater für einen Facharbeiter immer verdammt viel Geld verdient.

Das Verrückte ist, daß meinem Vater Geld immer völlig egal war. Außer Zigarettengeld brauchte er eigentlich nichts, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätten wir bis ans Ende unserer Tage in dem Kram gesessen, den die Schwiegereltern 1948 als Aussteuer beigetragen hatten. In Kaufhäusern wurde ihm immer schlecht. Und gleichzeitig war mein Vater sehr stolz auf das viele Geld, das er verdiente. Er hatte, glaube ich, ständig Angst, daß es einmal anders sein könnte. Mein Vater war, wie man damals sagte, ein guter Mann. Er trank nicht über die Maßen, ging mit großer Disziplin all die Jahre zur Arbeit und gab das Geld zu Hause ab.

Bevor ich von meiner Mutter, meinem Bruder und mir erzähle will ich berichten, was für ein Drucker mein Vater war. Seine Maschine hat schon damals bestimmt eine halbe Million gekostet, und er hat sie mit Draht und Tesafilm flicken können. Ich habe das als Werkstudent oft mitbekommen. In eine Wanne mit dreißig Litern gelbem Lack gab er einen Tropfen Aquamarinblau, rührte eine halbe Stunde, und die Farbe stimmte. „Jetzt ist das Sauerkraut. Und die Bockwurst legen wir mit Karminrot und ‘nem Schuß Grün an." Auf seine beruflichen Fähigkeiten war mein Vater sehr stolz. Mein Vater konnte etwas, er hatte hart gearbeitet und gut für seine Familie gesorgt. All das hat ihm geholfen, sich für einen wertvollen Menschen zu halten, und es hat ihn sicher auch in seiner Männlichkeit bestätigt.

Meine Mutter war eine besondere Frau, und wie so viele besondere Frauen dieser Generation hatte sie kaum eine Chance auf eine eigenständige Berufsbiographie. Mikätzchen wäre sie nach dem Krieg gerne geworden, schnell ausgebildete Lehrerin. Oder zumindest in der Bonbonfabrik hätte sie gerne gearbeitet. Mein Vater war strikt dagegen, sicherlich ein wenig aus Angst vor der Eigenständigkeit seiner Frau, die ihm vielleicht über den Kopf gewachsen wäre, aber doch auch, weil es damals der allgemeinen Norm entsprach, Emanzipation von den Zwängen der Lohnarbeit so zu begreifen, daß die Frau zu Hause bleiben konnte. Der Satz „Meine Frau braucht nicht zu arbeiten" war eben nicht nur patriarchales Gehabe, sondern auch eine Gabe, ein Geschenk. Wenn übrigens heute vierzehnjährige Hauptschüler danach gefragt werden, wie sie sich ihr späteres Leben vorstellen, werden wahrscheinlich 95% antworten: „Meine Frau soll später mal nicht arbeiten gehen müssen." Im Rahmen der Vereinbarkeitsdebatte würde man eine solche Einstellung als proletarischen Antifeminismus bezeichnen.

Meine Mutter ging schließlich arbeiten, als mein Bruder 15 und ich 11 Jahre alt waren, und zwar für ein Gehalt, für das mein Vater, wie er sagte, nicht einmal morgens aufgestanden wäre. All das Besondere, das in ihr steckte, ist entweder auf der Strecke geblieben, oder sie hat es umgewandelt in ein vorbehaltloses Engagement für ihre Söhne, die trotz vieler Mängel und Umwege ihr Studium abgeschlossen haben.

Ansonsten war meine Mutter wie die meisten Nachkriegsmütter. Außer an den Spinat machte sie an alles eine gebundene Soße. Sie erklärte dem Vater, wie die Söhne sind, und den Söhnen, wie der Vater ist. Sie glich aus, hörte zu, hatte Verständnis, harmonisierte, kochte Lieblingsessen, war oft unzufrieden mit ihrem Leben und hielt mit all ihrer Kraft den ganzen gar nicht so tollen Laden zusammen.

Ich könnte jetzt mindestens zwanzig Bücher nennen, in denen haarklein beschrieben ist, wie sehr ich unter meinen Eltern gelitten habe. Wie wenig ausgeprägt und sicher meine männliche Identität ist, weil mein Vater so abwesend war, weil er für mich keine Zeit hatte, mich wahlweise den schönen Händen oder den Krallen meiner Mutter überließ, mit mir nicht sprach, für mich nicht da war.

Aber wenn ich mich frage, was für mich als kleinen Jungen von sieben, acht Jahren Männlichkeit ausgemacht hat, dann entsteht vor meinem inneren Auge ein klares Bild. Männlich ist, harte Stoppeln im Gesicht zu haben und große, riesengroße Hände. Dann ist da ein Geruch, der Geruch der Arbeitstasche meines Vaters, diese unverwechselbare Mischung aus Lack, Schweiß, Dreck und alten Butterbroten. So riecht Männlichkeit.

Bevor mir jetzt vorzuwerfen ist, ich wolle mit Familienkitsch einlullen oder mit Geschichten von früher langweilen, möchte ich einige Gründe nennen, warum ich so ausführlich von meinen Eltern erzählt habe. Wenn ich das Leben meiner Eltern nach heutigen Standards betrachte, dann müßte ich zuerst fragen: Wer hat es besser getroffen: Vater oder Mutter? Wer ist eher Nutznießer und wer eher Opfer der Geschichte? Wer hat den besseren Schnitt gemacht?

Als junger Erwachsener mit 20, 25 Jahren hatte ich darauf eine klare Antwort. Meine Mutter war in meinen Augen die Betrogene. Ich habe neulich ein Buch gefunden, daß ich ihr damals schenkte: „Das halbierte Leben" von Elisabeth Beck-Gernsheim. Ich weiß nicht, ob sie es je gelesen hat. Die Mutter war mir damals viel näher als der Vater, ihre Nöte, ihre Gefühle, ihre Gedanken. Der Vater war halt viel weg, er war nervös, und zuhören konnte er auch nicht gut. Heute kann ich ihn besser sehen. Mein Vater ist nämlich auch ein ganz besonderer Mensch. Unlängst sagte er zu mir: „Erst war ich im Krieg, und dann hab ich fünfunddreißig Jahre lang Blechbüchsen bedruckt. Frag mich nicht, wofür das gut war."

Nach heutigen Kategorien würde man ihm die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung, gesellschaftliche Teilhabe, finanzielle Vormachtstellung gegenüber seiner Frau und Vernachlässigung seiner familiären Pflichten bescheinigen. Und die Beziehungsarbeit und die Kindererziehung und die Wäsche und der Dreck – in all diesen Fächern bekäme er eine glatte Fünf.

In bezug auf meinen Vater ist das alles Schrott. Die Wahrheit ist, daß er sein ganzen Leben malocht hat wie ein Bekloppter. Und für wen? Zum Beispiel für mich!

Ich habe keinen Zweifel, daß wir die Vaterrolle heute neu und anders definieren und vor allen Dingen im Alltag und in unserer Lebensplanung anders ausfüllen müssen. Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, daß das Konzept der geteilten Elternschaft bei allen Problemen, die damit verbunden sind, Männern im Prinzip guttut. Option, Chance, keine Gewißheit. Mann hat unterm Strich einfach mehr vom Leben.

Nur entsteht das Neue nicht dadurch, daß man das Alte in Grund und Boden verdammt, im Gegenteil. Ich habe mehr Zeit für meine Kinder, als mein Vater je hatte, und ich bin froh darüber. Die Liebe und die Aufmerksamkeit, die ich ihnen in dieser Zeit hoffentlich geben kann, habe ich in der Hauptsache nicht von meiner Frau, nicht in der Männergruppe und erst recht nicht durch das Studium von Erziehungsratgebern gelernt. Ich habe das in erster Linie von meinem Vater gelernt – dem, der so wenig Zeit für mich hatte. Psychologisch würde man sagen: Es geht eigentlich gar nicht anders.

Junge Väter, es ist oft beschrieben und beklagt, verstärken nach der Geburt des ersten Kindes in der Regel ihr berufliches Engagement oder geben sich große Mühe, gerade jetzt einen Berufseinstieg zu schaffen. Der Gebärneid, die Flucht vor den Mühen des Alltags mit einem kleinen Kind oder der nun so mütterlichen Frau, mangelnde Liebe und Einfühlung, Karriereorientierung – es gibt viele, in aller Regel eher negativ gefärbte Erklärungsmuster für dieses Verhalten. Wie wenig sich die Männer für ihre Kinder und die Familienarbeit verantwortlich fühlen, so lautet ein Standardargument, sieht man schon daran, daß nur zu 1,5 Prozent der Männer den ihnen zustehenden Erziehungsurlaub nehmen. Sie machen sich dünne und fehlen daheim. Nun dürfte es sich aber bei der Entscheidung, wer den Erziehungsurlaub nimmt, um eine Paarentscheidung handeln. Wir leben ja nicht mehr in den Zeiten von Kaiser Wilhelm, wo die Männer wichtige Familienangelegenheiten in der Regel ganz allein bestimmten. (Insofern ließe sich – bleiben wir einmal auf der Ebene der Verantwortlichkeit – sagen, daß sich Frauen äußert wenig für ihren eigenen ganz persönlichen Lebensweg verantwortlich fühlen, weil doch 98,5 Prozent von ihnen Erziehungsurlaub nehmen. Dieses Argument macht wenig Sinn an dieser Stelle, aber es zeigt doch ein wenig, daß die Geschichte mit den verantwortungslosen familienflüchtigen Männern auch nicht die ganze Wahrheit sein kann.)

Teilhabe

Es gibt nicht zuletzt gewichtige materielle Gründe, sich als Paar für eine traditionelle Arbeitsteilung zu entscheiden. Ein Argument, das immer wieder von den Männern genannt wird, ist: Ich verdiene einfach mehr. Und von den Frauen heißt es oft: Es ist einfach so, daß wir im Erwerbsleben benachteiligt sind. Nix vormachen: Das zentrale gesellschaftliche Leitbild ist es, ein hohes Konsumniveau zu haben, und zwar bei Männern und Frauen. Erst dahinter kommen andere Familienstrukturen. In der Vereinbarkeitsdebatte steckt auch der oft unmögliche Versuch, diese beiden Leitbilder miteinander zu verbinden.

Junge Männer, die im Beruf ranklotzen, wenn das erste Kind da ist, übernehmen bei allem, was sie an Engagement im Alltag der Familie vielleicht vermissen lassen, in aller Regel eine Menge Verantwortung. Zum Beispiel die, sich um eine möglichst gute Plazierung der Familie in der Gesellschaft zu sorgen. Es geht nicht nur um die Binnenauseinandersetzung zwischen Mann und Frau, es geht nicht nur darum, wie die Ressourcen der Familie intern verteilt werden, sondern was man als Gesamtsystem abbekommt. Ich kenne jedenfalls eine Menge Frauen, die mit einem ziemlichen Ehrgeiz an der Karriere ihres Mannes basteln und ihm, bisweilen heftig klagend, aber mit viel Engagement, den Rücken freihalten. Auch das macht eine Menge Sinn, obwohl natürlich viele dieser Frauen gleichzeitig kreuzunglücklich sind.

Man muß in dieser Debatte sehen, daß trotz aller Emanzipationsdiskussion die Männer nach wie vor 82 Prozent der Familieneinkommen verdienen. Nach wie vor kommt es auf wundersame Weise auch immer wieder zu Paarbildungen, in denen der Mann das bessere Einkommen hat. Man muß verstehen, warum es immer wieder zu solchen Konstellationen kommt, und allein mit dem Standardargument der Benachteiligungen von Frauen im Erwerbsleben versteht man das nicht.

Sicherheit für die Familie

Mit Versicherungen, Bausparverträge, der Familie als langfristiges Projekt, hohem Armutsrisiko, mit Patchworkbiographie bekommt man kaum Sicherheit. Die Sache ist dann am sichersten, wenn man zu möglichst langfristigen Vereinbarungen mit den Aufkäufern von Arbeitskraft kommt. Für die langfristige Verläßlichkeit des Familieneinkommens muß man zur Kernbelegschaft gehören, unentbehrlich sein, besser als Mitbewerber, verbeamtet usw. Durch Deregulierungen des Arbeitsmarktes sind viele Arbeitsmarktrisiken entstanden. In der Teilzeitdebatte stecken viele gute und notwendige Ideen, was anders sein könnte. Aber ich finde sie auch etwas unaufrichtig. Teilzeitarbeit ist Frauenarbeit und Frauenarbeit ist „Zubrot". Der „Breadwinner", wie es im Englischen heißt, ist der Mann. Da gibt es eine Teilzeitquote im Familienalter von nicht mal einem Prozent, und es ist für die Gleichstellung der Frau nicht sonderlich erheblich, wenn sie vor dem Hintergrund drohender Massenentlassungen in den nächsten Jahren auf vier Prozent steigen würde.

Alte Bilder, Aufgaben als Sohn und Tochter

Die Vereinbarkeitsdebatte kann als Versuch, das Mutterbild der vorigen Generation und das Frauenbild der heutigen Generation zusammenzubekommen, gesehen werden. Die Kittelschürze, der wattierte Morgenrock, der Blaumann etc. hängen im deutschen Museum, aber doch auch in unseren Herzen:

Professionalisierung von Kindheit, neue Mutterrolle

„Beziehungsarbeit" – die bleibt an den Frauen hängen. Ich weiß, daß wir Männer oft stur sind, verbissen an schlechten Verhältnissen festhalten und zuviel Sport sehen. Aber gleichzeitig möchte ich zu bedenken geben, daß das große Vorbild in Sachen Beziehungsarbeit eben jene Mutter ist, von der ich vorhin erzählte, die harmonisierende, alles zusammenhaltende und meistens unglückliche Mutter aus den fünfziger, sechziger Jahren.

Familie als Ort des Glücks. Wenn wir die Geschlechterrolle neu definieren, dann müssen wir auch Familie neu definieren. Das ist vielleicht schwierig in bezug auf Individualisierung und beinhaltet eine hohe Glückserwartung.

Konsequenzen

Frauen müssen sagen, was sie wollen. In der beständigen Klage liegt kein Veränderungspotential; ich habe oft das Gefühl, daß sie bestehende Verhältnisse sogar stabilisiert. Der Frau, die zum Beispiel immer wieder hinter dem Beruf ihres Mannes hinterherzieht, bis ihre sozialen Bezüge und ihre berufliche Qualifikation wenig wert sind, hilft die Klage nicht – sie braucht Klarheit, keine Klage.

Ich habe mich ja am Anfang damit auseinandergesetzt, daß die Frauen sich so sehr verändert haben und nun die Männer dran sind. Vielleicht ließen sich Veränderungsbereitschaften auf Männerseite eher erschließen, wenn Frauen verstehen würden, daß ihre Veränderung auch noch weitergehen muß. Die Kluft zwischen Leitbildern und realem Verhalten ist bei Männern oft festgestellt worden. Das gleiche gilt meiner Meinung nach aber auch für Frauen.

Männer brauchen eine Utopie für ihr Leben; sie erscheinen oft in ihrem eigenen Leben wie Fremdlinge. In dieser Debatte wird ja die Erwerbsarbeit als das große Reich der Freiheit angesehen. Vielleicht hat es doch mehr mit dem Leben, dem wirklichen Leben zu tun, wenn man nicht die Akten genau kennt, sondern die Geburtstage seiner Kinder. Wenn man mit Kindern „ Die Reise nach Jerusalem" spielt, lacht man sich kringelig. Das gleiche Spiel in der Behörde hieße: Wer lacht, ist der nächste, dem vielleicht der Stuhl vor die Tür gestellt wird. Ach, wenn wir Männer uns nicht mehr kaltstellen ließen! In letzter Konsequenz würde das unser Wirtschaftssystem in Frage stellen. Es hat zweihundert Jahre gebraucht, bis man uns Männer soweit hatte. Mit einer erweiterten Familienorientierung von Männern ließe sich weniger gut Staat machen.

Partnerschaft ist dann am spannendsten, wenn beide Partner ein Stück ihrer Wünsche realisieren können. Sie müßten vielleicht nicht mehr wie die Kinder darum streiten, wer von ihnen am meisten benachteiligt ist. Sie könnten sich sogar zusammentun. Ich glaube, Claudia Nolte würde gerade in diesem Fall ziemlich alt aussehen.

Dieter Schnack: Männer zwischen Familie und Beruf – URL: http://www.die-frankfurt.de/esprid/dokumente/doc-2000/schnack00_01.htm
Dokument aus dem Internet-Service des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung e. V. – http://www.die-frankfurt.de/esprid

1 Kommentar:

talulard hat gesagt…

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