Sonntag, 9. Dezember 2007

Frauen und Krieg

Martin van Creveld
Frauen und Krieg
Aus dem Englischen von Anna Schäfer und Karin Laue

Gerling Akademie Verlag
ISBN 3-932425-33-2

Schlußfolgerungen
S.259 - 271

Wandel und Kontinuität

Die erste Lehre aus der vorliegenden Studie dürfte lauten, daß Forscher mit Sympathien für die feministische Idee bei dem Versuch zu beweisen, daß Frauen in bewaffneten Konflikten eine aktive Rolle spielen können und sollen, den Anteil von Frauen in früheren Zeiten über alle Maßen übertrieben haben.

Nehmen wir nur vier Beispiele, die durch mehr als zweitausend Jahre getrennt sind. Wie immer wir über die Amazonen in der griechischen Mythologie denken, das entscheidende Faktum ist, daß sie nie existiert haben. In der Roten Armee gab es zwar einige wenige weibliche Kommissare, und sie begingen Greueltaten wie die Männer, aber der angebliche Erfolg der Roten Armee bei der Mobilisierung von Frauen im russischen Bürgerkrieg gehört weitgehend ins Reich der Legende. Es stimmt auch nicht, daß die sowjetischen Frauen im Zweiten Weltkrieg oder die Frauen in der israelischen Armee nennenswert mehr geleistet hätten als ihre Schwestern in anderen Ländern.

Viele Darstellungen sind irreführend und falsch, zum Beispiel wenn sie reale Frauen mit Gestalten der Mythologie vermischen oder die Tatsache, daß einige Frauen geherrscht und Befehle gegeben haben, als »Beweis« anführen, daß Frauen auch kämpfen können. Sehr oft werden Argumente akzeptiert oder verworfen, wie es gerade in die politische Diskussion paßt. Die meisten feministischen Abhandlungen über den Ersten Weltkrieg gehen in dem Bestreben nachzuweisen, daß Frauen von Natur aus friedlich sind, stillschweigend darüber hinweg, daß die meisten Frauen den Konflikt genauso begeistert begrüßten wie die Männer.

Als »russische Offiziere im Generalsrang« vor dem präsidentiellen Ausschuß über Aufnahme von Frauen ins Militär berichteten, daß die sowjetischen Militärpilotinnen im Zweiten Weltkrieg schwere Verluste verzeichnet hätten und man sie als voll einsatzfähig betrachtet habe, glaubte man ihnen. Als jedoch dieselben Offiziere berichteten, die Frauen seien hauptsächlich zu Propagandazwecken als Pilotinnen verwendet worden, wurde dies als »neue Sichtweise« beiseite gewischt.2 Gelegentlich ist das Bestreben zu behaupten, daß Frauen alles auf sich nehmen und jede Gefahr eingehen können, so heftig, daß man unwillkürlich darüber nachdenkt, ob Freud nicht vielleicht doch Recht hatte und der Penisneid tatsächlich existiert. Zum Beispiel hebt eine Autorin als besondere Errungenschaft hervor, daß Frauen sich das Recht erkämpft haben, genau wie Männer als »Schlappschwänze« beschimpft zu werden.

Selbst wenn wir das Bild beiseite lassen, das unsere nächsten lebenden Verwandten, die Schimpansen, bieten, ist ohne weiteres Drumherum klar, daß der Lebenszyklus der Frauen einerseits und ihre geringere Körperkraft andererseits nahezu immer zur Folge hatten, daß sie nicht an Krieg und Kampf teilnahmen. Dies könnte erklären, warum den Großteil der Geschichte hindurch der Ausschluß der Frauen aus diesen Bereichen als selbstverständlich betrachtet wurde. Für die meisten Männer und Frauen war klar, daß die Beteiligung der Frauen »unmöglich« (Christine de Pizan) oder »bizarr« (Helene Deutsch) wäre. Noch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts lautete ein Argument der Suffragetten, daß die Welt zunehmend friedlicher werde, und das ging auf männliche Denker wie Herbert Spencer und Norman Angel zurück. Weniger Krieg würde bedeuten, daß künftige Regierungen hauptsächlich mit »guter Haushaltsführung« beschäftigt wären; da die Frauen auf diesem Gebiet genauso qualifiziert seien wie Männer, stünde ihnen das Wahlrecht zu.4 Das Schicksal des ERA und die Diskussion in der Bundesrepublik Ende der siebziger Jahre sind bezeichnend; hätte man das Wahlrecht an die Wehrpflicht geknüpft, hätten die meisten Frauen wohl freiwillig darauf verzichtet. Zu der Zeit, als dieses Buch geschrieben wurde, verlangten einige israelische Feministinnen, Frauen sollten nicht länger zum Wehrdienst eingezogen werden, selbstverständlich ohne deswegen das Wahlrecht oder andere staatsbürgerliche Rechte zu verlieren.

Trotz all dieser Erwägungen gibt es Grund anzunehmen, daß die Frauen nicht wegen ihrer körperlichen Unterlegenheit so selten in Kriegen gekämpft haben, sondern wegen psychischer Barrieren bei den Männern. Biologisch gesprochen, sind Frauen den Männern in mehrerer Hinsicht überlegen, vor allem darin, daß sie Kinder gebären können.

Den Männern ist ihre Unterlegenheit durchaus bewußt, und sie versuchen sie zu kompensieren. Man kann sagen, daß menschliche »Gesellschaften« zu einem großen Teil so organisiert waren und organisiert sind, daß sie Männern Gelegenheiten zur Kompensation bieten.6 Wie Margaret Mead darlegt und die soziale Realität um uns herum weitgehend bestätigt, kommt es nicht so sehr darauf an, welcher Art diese Kompensation ist, solange nur die Frauen davon ausgeschlossen sind.

Zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten sind unendlich viele Formen möglich gewesen, vom Drehen der Gebetsmühlen bis zur Hochseefischerei und vom Teppichweben über die Großwildjad bis zum Spielen bestimmter Musikinstrumente. Je nach Einstellung kann man manche dieser Formen lächerlich nennen, andere ernsthaft und wieder andere — soweit sie ein Opfer verlangen — erhaben. Aber man kann nicht bestreiten, daß sich von allen menschlichen Betätigungen der Krieg in verschiedener Weise am besten für die männliche Kompensation eignet.

Selbst wenn die Frauen nicht körperlich schwächer wären als die Männer und selbst wenn sie nicht durch ihren Lebenszyklus behindert wären, würde diese Argumentationslinie erklären, warum den Frauen historisch gesehen — auch den ansonsten qualifizierten — nur selten erlaubt wurde, eine aktive Rolle im Krieg zu spielen. Soweit die Frauen mit dem Krieg zu tun hatten, ging es um Unterstützung in verschiedenster Form — von Verwaltung über Logistik und Kommunikation bis zu dem, was Voltaire einst »die natürlichen Bedürfnisse von Helden« genannt hat. Alle diese Funktionen haben den Aspekt gemeinsam, daß sie keine Bedrohung für die kämpfenden Männer darstellten. Es blieb weiterhin den Männern vorbehalten, zu töten und sich töten zu lassen, und somit war die männliche Selbstachtung nicht tangiert.

Wie bereits bemerkt, erklärt dieser Gedanke auch, warum proportional mehr Frauen bei letzten Aufgeboten, Revolten und Erhebungen aller Art auftauchen. Und
er erklärt auch, warum in jedem bekannten Fall die traditionelle Rollenverteilung wiederhergestellt wurde, sobald die Erhebung beendet war.

Hier und da nahmen Frauen in Verkleidung an Kämpfen teil, andere hatten Positionen inne, in denen sie herrschten und befahlen. Erstere spielen in der Geschichte allenfalls als kuriose Gestalten eine Rolle. Letztere machten ihre Sache oft recht gut, wenn auch nicht spektakulär gut. Ihre Existenz beweist, wenn es eines Beweises bedurft hätte, daß Frauen, wenn sie die Chance bekommen, genauso gut herrschen und befehlen können wie Männer. Es ist überflüssig zu sagen, daß sehr viel weniger Frauen als Männer je in Positionen kamen, in denen sie die Herrschaft und Befehlsgewalt ausüben konnten. Teils hängt das damit zusammen, daß die Gesellschaft ihnen keine Gelegenheit dazu gab. Teils kann man auch vermuten, daß sie im Durchschnitt weniger dazu bereit waren, die »außerordentlichen Opfer an persönlichem Glück, Gesundheit, Zeit, Freundschaften und Beziehungen... zu erbringen, die das Streben nach Macht und der Machterhalt verlangen«.7 Der erstgenannte Faktor könnte dabei das Ergebnis der nachfolgenden sein. Wie auch immer, auf keinem anderen Feld ist der relative Mangel der Frauen an Aggression und Rivalitätsstreben so hinderlich wie im Krieg. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Anders als bei vielen anderen menschlichen Betätigungen gibt es im Krieg nur die Alternative, zu kämpfen oder zu sterben.

Sehr zur Überraschung vieler Zeitgenossen, die noch nicht begriffen hatten, was für eine »totale« Institution das Militär in der zweiten Hälfte des W.Jahrhunderts geworden war, traten in den beiden Weltkriegen zum erstenmal Frauen als Soldatinnen in Erscheinung. Tatsächlich war die Veränderung geringer, als die meisten Menschen glauben, und sehr viel geringer, als manche heutigen Feministinnen mit ihren eigenen Absichten im Hinterkopf behaupten. In allen Armeen erfüllte die große Mehrheit der Frauen in Uniform weiterhin die Aufgaben, die Frauen von jeher zugekommen waren, das heißt, sie leisteten Dienste unterschiedlichster Art für Männer. Von den Widerstandsbewegungen einmal abgesehen, nahmen in beiden Weltkriegen nur wenige Frauen an Kämpfen teil und so gut wie gar keine an Bodenkämpfen.

In der Sowjetunion waren 1941 —1945 zwar einige Frauen an Bodenkämpfen beteiligt, andere gehörten zur Besatzung von Kampfflugzeugen. Doch rückblickend zeigt sich, daß die meisten Kämpferinnen nicht zu dem Schluß kamen, daß sie für diese Rolle besonders gut geeignet waren. Nach Kriegsende war die große Mehrheit nicht unglücklich, aus dem Militär ausscheiden und wieder nach Hause gehen zu können.

Ob mit oder ohne Uniform, Frauen im Troß von Streitkräften wurden in der Regel ermutigt, ihre Weiblichkeit zu bewahren. Umgekehrt erlebten die Frauen, die sich dafür entschieden, ein Kommando zu führen oder mitzukämpfen, daß sie ihre Weiblichkeit ganz oder teilweise aufgeben mußten. Bis heute müssen Frauen in der englischen oder dänischen Palastwache sich wie Männer kleiden — als wären die Frauen, die Männerrollen übernehmen, gezwungen, Männer zu werden. Was für die Frauen im realen Leben gilt, gilt auch für die Frauen in der Mythologie. Die meisten heirateten nicht und hatten keine Kinder, manche hatten anscheinend nicht einmal einen Vater. Bestenfalls wurden sie als »männlich« bezeichnet — ein zweifelhaftes Kompliment, das nicht viele Frauen im realen Leben gerne hören. Schlimmstenfalls mußten sie ihr Geschlecht verleugnen und verbergen. Gelegentlich scheint es auch umgekehrt gewesen zu sein, und Frauen suchten gerade deshalb Krieg und Kampf, weil sie von Anfang an Schwierigkeiten mit ihrem Geschlecht hatten.

Das Verhältnis von Männern, Frauen und Krieg veränderte sich wie so vieles andere mit dem Einsatz der ersten Atomwaffen 1945. Politisch gesprochen, lösten die Atomwaffen die Verbindung zwischen Sieg und Überleben, Krieg war damit kein Mittel der Politik mehr, sondern Selbstmord.

Noch wichtiger war die Auswirkung auf den männlichen Stolz: Weil es gegen Atomwaffen keine Verteidigung geben kann, gibt es auch keine Heldentaten mehr. Insofern hatten die Atomwaffen einen entscheidenden Einfiuß auf jene, deren Aufgabe es war, von ihren Besprechungszimmern und Büros aus Krieg zu führen, und auf all die, die auf den Gefechtsfeldern ihr Leben aufs Spiel setzten. Langsam, aber sicher machte die Verbreitung der Atomwaffen rund um den Globus Krieg zwischen den Staaten, die solche Waffen besaßen, von denen man vermutete, daß sie solche Waffen besitzen könnten, oder denen man nur zutraute, daß sie solche Waffen demnächst produzieren könnten, unmöglich und sinnlos.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, daß die in relativen und in absoluten Zahlen stärksten Streitkräfte der Welt im Niedergang begriffen sind. Ceteris paribus kann man sagen, daß sie um so mehr Frauen aufgenommen haben, je unwahrscheinlicher es geworden ist, daß sie Krieg gegen gleichwertige Gegner fuhren müssen. Und sei es nur aus dem Grund, daß Kämpfen das Letzte ist, was Frauen wollen, sind die Streitkräfte um so weniger in der Lage, ernsthaft Krieg gegen gleichwertige Gegner zu fuhren, je mehr Frauen sie aufgenommen haben.

Der alte Streit um Henne und Ei begann irgendwann Ende der sechziger oder Anfang der siebziger Jahre. Zu dem Zeitpunkt, als diese Zeilen geschrieben wurden, dauerte er noch an. Kaum ein Tag vergeht heute, ohne daß die Medien über neue »Fortschritte« der Frauen im Militär berichten, die stets mit neuen Kürzungen einhergehen. Neben der Verbreitung der Nuklearwaffen hat die Aufnahme der Frauen die einst stärksten Armeen der Welt in reine Polizeitruppen verwandelt. Wenn die Entwicklung so weitergeht, ist abzusehen, daß die meisten Armeen nur noch friedenserhaltende Missionen erfüllen werden.

Und selbst wenn in irgendeinem fernen Land der Dritten Welt eine Friedensmission stattfindet (wie im Frühjahr 2000 in Sierra Leone), dann sind an vorderster Front unweigerlich Männer im Einsatz.

Bei all dem war die aktive Rolle der Frauen stets relativ klein. Anders als manche behaupten, hat nicht feministischer Druck bewirkt, daß die Frauen nach 1945 dauerhaft im Militär Fuß fassen konnten, sondern es waren die Vorstellungen von Politikern, Soldaten und Wissenschaftlern, wie der Krieg künftig sein würde. Und ihre Erwartungen, die auf den Erfahrungen aus der Zeit vor der Atombombe gründeten, erwiesen sich als vollkommen falsch. Ebenfalls anders als manche behaupten, hat in den meisten Ländern nicht feministischer Druck dazu geführt, daß dieser Brückenkopf nach 1970 ausgebaut werden konnte, sondern die Situation in den Streitkräften, das heißt der Mangel an männlichen Soldaten.

Oft machten die Frauen nicht Männer für Kampfeinsätze frei, sondern sie füllten einfach Positionen aus, die die Männer nicht mehr wollten, in dieser Hinsicht ging es im Militär genauso zu wie in anderen Berufen, die von den Frauen erobert wurden.8 Feministischer Druck wurde allenfalls durch Propaganda, durch die politische Diskussion und teilweise auch durch die Gerichte ausgeübt, die entschieden, daß zusätzliche Tätigkeitsfelder für Frauen geöffnet werden mußten, die bereits beim Militär waren. Und dank feministischem Druck wurden einige Verbesserungen bei den Bedingungen erreicht, unter denen Frauen dienen.

Welche Rolle der Feminismus im Vergleich zu anderen Faktoren auch immer spielte und welche Folgen dies für die Position der Frauen im Militär und in der Gesellschaft insgesamt haben mochte, unbestreitbar hat der Zustrom von Frauen bewirkt, daß das Militär die gleichen Veränderungen erlebte, die auch andere Berufe durch die »Feminisierung« erfuhren. Selbstverständlich war es keine kontinuierliche Entwicklung, sondern ein Weg mit Höhen und Tiefen. In Anbetracht ihrer sehr unterschiedlichen Strukturen und Aufgaben waren die Folgen nicht in allen Einheiten, Truppengattungen und Einsatzbereichen gleichermaßen zu spüren.

In Abhängigkeit von Demographie, Wirtschaftslage, kulturellen Traditionen und vielen anderen Faktoren stellt sich die Situation von Land zu Land unterschiedlich dar. In einem Land - Israel - war es wegen der von Anfang an bestehenden Ausnahmesituation sogar möglich, die Wehrpflicht auf Frauen auszudehnen und die Folgen von Meads Gesetz zu vermeiden. Doch sogar in Israel galt, nachdem die schlimmste Krise einmal überwunden war: Je mehr Frauen zum Militär gingen und je mehr Posten sie besetzten, desto unattraktiver wurde das Soldatendasein für die Männer. Und je unattraktiver es für die Männer war, desto mehr Frauen rückten nach, teils aus eigenem Antrieb, teils weil die Streitkräfte sie gezielt anwarben, um die Lücken zu füllen.

Unterdessen ist die Zeit nicht stehengeblieben.

Seit etwa 1980 befindet sich der Staat in allen entwickelten Ländern auf dem Rückzug, Privatisierung ist das Gebot der Stunde. Vor dem Militär machte diese Entwicklung nicht halt.

In den meisten Ländern sind die Streitkräfte in rascher Auslösung begriffen und privatisieren die Bereiche, in denen Frauen am häufigsten vertreten sind, vor allem Versorgung aller Art.9 Wie auch in anderen Berufen, in denen die Frauen auf dem Vormarsch sind,10 sind sie in der Regel besser ausgebildet als die Männer, deren Plätze sie einnehmen.

Vor allem bei den Mannschaftsdienstgraden bedeutet die Entscheidung für das Militär oft den Eintritt in eine rauhe Gemeinschaft und ist häufig mit sozialem Abstieg verbunden. Den Frauen ist das durchaus bewußt. Es erklärt zumindest teilweise, warum so viel über Gleichheit gesprochen wird und die Frauen doch in allen Streitkräften, für die Zahlen zur Verfügung stehen, zu den »traditionellen«, sprich sicheren, in der Regel an einen Schreibtisch gebundenen Tätigkeiten zurückstreben.

Und schließlich ist noch anzumerken, daß Frauen im Militär bei den Männern absolut verhaßt sind. Je entschlossener und je erfolgreicher sie Gleichbehandlung einforderten, desto weiter wurden ihre Privilegien reduziert und desto stärker erlebten sie »sexuelle Belästigung«, real und in der Phantasie.

Dies ging so weit, daß 1998 einige amerikanische Soldatinnen eine Umkehr des Prozesses verlangten. Sie wollten die Rückkehr zu einer eigenen Kommandokette für Frauen, zu getrennten Quartieren, getrennten Speisesälen (da das gemeinsame Schlangestehen mit Männern angeblich besonders viele Gelegenheiten für »se-xistisches« Verhalten bot) und eigene Ausbildungsprogramme für Frauen.11 Aus dieser Perspektive sind die Versuche der Frauen, durch das Vordringen ins Militär ihre soziale Position zu verbessern, nicht nur gescheitert, sondern ins Gegenteil umgeschlagen: Anstatt zu beweisen, daß Frauen auf gleicher Stufe stehen wie Männer, hat sich erwiesen, daß sie ohne besonderen Schutz nicht bestehen können.

Wo die Untergrenze ist, hängt vom Ausgangspunkt ab. Ein Mann, der dieses Buch liest, könnte sich in seiner Überzeugung bestätigt fühlen, daß Frauen beim Militär in der Tat ein Problem sind.

Zum Beispiel kann es ärgerlich sein zu sehen, daß das Life Magazine 1985 in einer Ausgabe zum 40. Jahrestag des Kriegsendes auf dem Titelblatt sieben weibliche »Heldinnen«
und zehn männliche Helden präsentierte.12 Es ist eine Tatsache, daß von 1941 -1945 mehr als fünfzehn Millionen Männer eingezogen waren, von denen mehr als die Hälfte in Übersee kämpfte und fast 300000 fielen. 99 Prozent der amerikanischen Frauen blieben unterdessen zu Hause, selbst die Frauen in den Streitkräften konnten nur freiwillig nach Übersee entsandt werden. Wenn man nun behauptet, daß beide Geschlechter in ungefähr gleichem Umfang ihr Leben riskierten und Blut vergossen, dann wird damit das wahre Heldentum abgewertet, und man darf sich nicht wundern, wenn das Reservoir an Helden — an Männern, die bereit sind, Soldaten zu werden — austrocknet.

Allerdings muß man sagen, daß die Frauen weder auf militärischem noch auf einem anderen Gebiet die Vorherrschaft der Männer ernsthaft gefährden, und sei es nur, weil die wenigen Frauen, die tatsächlich erfolgreich sind und an die Spitze gelangen, sich unweigerlich nicht mit ihren schwächeren Schwestern identifizieren, sondern mit ihren männlichen Kameraden.3 So könnten viele Männer — in der Tat die Mehrheit — zu dem Schluß kommen, daß das Problem beherrschbar ist, solange sie Schwierigkeiten aus dem Weg gehen und dem Vorwurf des »Sexismus« keine Nahrung geben. Da »Sexismus durch Unterlassen« schwieriger nachzuweisen ist als »Sexismus durch Tun«, ist es die beste Strategie für einen Mann, seine Kameradinnen so weit wie möglich zu ignorieren. Und genau das passiert dann auch sehr oft.

Eine andere Interpretation aus männlicher Sicht könnte lauten, daß das Militär gespalten ist. In den Vereinigten Staaten erfüllten Ende 1998 Soldaten auf 221000 ausschließlich Männer vorbehaltenen Positionen schwierige und gefährliche Aufgaben oder bereiteten sich auf solche Aufgaben vor, hauptsächlich ging es um Bodenkämpfe und Einsätze in kleinen Trupps hinter den feindlichen Linien. Soldaten auf 1,18 Millionen Positionen, die beiden Geschlechtern offen standen, hatten mit dem Krieg sehr wenig zu tun. Bestenfalls (sofern dies das richtige Wort ist) schössen sie Marschflugkörper auf reglose Irakis in einigen hundert oder tausend Kilometern Entfernung ab. Schlimmstenfalls (sofern dies das richtige Wort ist) arbeiteten sie in einem Umfeld, das genauso sicher und ein Gutteil überschaubarer als das der meisten Zivilisten war.14 Vermutlich wird ein Mann, der seine »Tüchtigkeit einsetzen« möchte, »um seine Mannhaftigkeit und die Stärke seines Körpers zu seiner Ehre und zur Ehre seiner Familie zu beweisen«,15 der erstgenannten Kategorie zuzurechnen sein.

In dem Fall sollte er zu den Marines gehen, dort findet sich ein Fünftel dieser Positionen, und die Marines kennen als einzige keine gemeinsame Grundausbildung von Männern und Frauen. Es kann kein Zufall sein, daß in den letzten dreißig Jahren die Marines erfolgreich ihre Position gegenüber den anderen Truppengattungen ausgebaut haben (von 9,2 Prozent auf 12,5 Prozent16) und ebenso erfolgreich bei der Rekrutierung und Integration von Soldaten waren; Ende 1999 haben sie allein ihre Rekrutierungsziele erreicht.17 Da nun einerseits kaum noch größere Kriege geführt werden und andererseits das Damoklesschwert der »sexuellen Belästigung« über den Streitkräften schwebt, müßte man es freilich einem Mann auch nachsehen, wenn er den Militärdienst als Zeitverschwendung betrachtet. Wenn er seine Grundausbildung durchlaufen hat, zieht er vielleicht in Erwägung, in die rasch expandierende »Sicherheitsindustrie« zu wechseln. Oder er verdingt sich als Söldner für den Einsatz in irgendeinem Entwicklungsland, wo Kriege noch Kriege sind und Männer noch Männer sein dürfen. An solchen Ländern besteht jedenfalls kein Mangel.

Sowohl der Mann, der seinen Dienst im Militär für einen Job wie jeden anderen hält, als auch der Mann, der die Bewährung sucht, wird wenig Grund sehen, seine Kameradinnen als ernsthafte Bedrohung wahrzunehmen. Umgekehrt wird eine Frau mit radikal feministischen Neigungen, die das vorliegende Buch liest, zu dem Schluß kommen, daß die Männer einfach unverbesserlich sind. Ob aus biologischen oder psychischen Gründen, der Wunsch, sich zu beweisen — notfalls durch Anwendung von Gewalt —, um neben anderen Dingen den Beifall der Frauen zu finden, scheint fest zur männlichen Natur dazuzugehören. Aus dieser Perspektive sind Frauen, die zum Militär gehen, alles andere als Heldinnen oder Pionierinnen oder Revolutionärinnen, sondern Verräterinnen an ihrem Geschlecht, sie schwächen »das Patriarchat« nicht, sondern stärken es im Gegenteil noch.18

Die Frauen sollten am besten (wenn sie es denn könnten) gänzlich mit den Männern brechen und eine eigene Gesellschaft gründen. Nur in einer Gesellschaft ohne Männer werden die Frauen vor der größeren Aggressionsbereitschaft und der größeren Körperkraft der Männer sicher sein. Nur in einer rein weiblichen Gesellschaft wird das Bibelwort »er aber wird über dich herrschen«19 nicht mehr gelten. Es ist sogar möglich, wie manche Feministinnen behaupten und hoffen,20 daß eine Gesellschaft nur aus Frauen keinen Krieg mehr führen würde. Andererseits haben wir gesehen, daß die meisten Frauen sich genauso von der Kriegsbegeisterung erfassen lassen wie die Männer. Zudem sind manche Politikerinnen genauso aggressiv, konkurrenzbewußt und wollen genauso gerne herrschen wie Männer. Aus diesen Gründen und auch weil der Krieg — neben anderen Dingen — ein Kampf um begrenzte Ressourcen ist, habe ich meine Zweifel, ob eine Welt, die nur aus Frauen bestünde, tatsächlich merklich friedlicher wäre als die Welt, in der wir heute leben.

Schließlich könnte eine Frau, die entweder gar nicht oder nur moderat feministisch eingestellt ist, zu dem Schluß kommen, daß ihre Geschlechtsgenossinnen die Männer auf ihrem Feld nicht schlagen können und es auch gar nicht versuchen sollten — mit anderen Worten: Es gibt einfach bestimmte Felder, eines davon und mit Abstand das wichtigste ist der Krieg, die »frau« am besten den Männern überlassen sollte. Alles in allem ist das eine vernünftige Strategie: Wenn man vor die Entscheidung gestellt wird — einige Feministinnen der früheren Generation sahen das auch sehr klar21 —, grenzt es an Verrücktheit, sich freiwillig auf das Spiel des Gegners einzulassen.

Körperlich haben Frauen, die in Konkurrenz zu Männern treten wollen, nur Verletzungen zu erwarten, die manchmal so schwer sind, daß sie zu lebenslanger Behinderung führen oder verhindern, daß sie einmal Kinder bekommen können. Im direkten Kampf haben Frauen keine Chance. Noch schlimmer ist, daß Frauen, egal ob sie an der Seite von Männern kämpfen oder ihnen als Gegnerinnen gegenüberstehen, den Haß der Männer auf sich ziehen. Bestenfalls haben sie von den Männern alle Formen von Belästigung zu erwarten. Schlimmstenfalls werden
sie von den Männern »gezähmt« wie einst die Amazonen von den Skythen.22

Da Zahl und Bedeutung der Kriege zwischen Staaten, insbesondere zwischen den Industriestaaten, kontinuierlich weiter zurückgehen, ist anzunehmen, daß immer mehr Frauen in die Streitkräfte dieser Staaten eintreten werden. Je mehr Frauen in die Streitkräfte eintreten, desto weniger werden die Streitkräfte bereit und in der Lage sein zu kämpfen. Der männliche Stolz als die wahre Triebfeder des Krieges ist indes nicht verschwunden.

Wie der Teufel, der zur Tür hinausgejagt wird und durch das Fenster wieder hereinkommt, wird es ihn geben, solange Männer Männer sind und die Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen. Durch die Verbreitung der Atomwaffen ist es unwahrscheinlicher geworden, daß Männer in zwischenstaatlichen Kriegen kämpfen können, und deshalb suchen und finden sie zunehmend andere Organisationen, die ihnen Einsatzmöglichkeiten bieten. In vielen Ländern der Dritten Welt vollzieht sich diese Entwicklung unter unseren Augen. So verschieden die rund dreißig Kriege sein mögen, die derzeit rund um den Globus ausgefochten werden, gemeinsam ist ihnen, daß in keinem Frauen eine andere Rolle spielen, als sie seit eh und je spielen. Und gerade wie der Zustrom der Frauen zum Boxen die Männer anspornt, sich immer gewalttätigere Formen des Wettkampfs auszudenken, werden auch die neuen Formen des Krieges durch die Aufhebung der traditionellen Unterscheidung zwischen Soldaten und Zivilisten wahrscheinlich sehr viel blutiger sein als die alten. Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen von Frauen (und Männern) werden die Opfer sein.

Die Industrieländer scheinen an der Wende vom zweiten zum dritten Jahrtausend weniger stark durch Krieg bedroht als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Da es keinen mächtigeren Gegner mehr gibt als Serbien oder die Milizen in Osttimor, können sie es sich leisten, den männlichen Stolz mit Füßen zu treten. Sie können zusehen, wie in dem, was von ihren Streitkräften noch übrig geblieben ist, soziale Experimente unterschiedlicher Art, teilweise sehr seltsame, durchgeführt werden.

Doch sollte jemals wieder eine echte Gefahr auftauchen, dann dürfte sich mit ziemlich Sicherheit der gewachsene Einfluß der Frauen im Militär in Luft auflösen wie die Schimäre, die er ist. Der Trompetenstoß wird ertönen, die Fahnen werden entrollt, und, so ist zu hoffen, die Männer werden dem Ruf folgen. Die Frauen hingegen werden sich an den Rat halten, den der junge Freud einst seiner Braut gab,23 und bei den Männern Schutz suchen.

1 Kommentar:

Dominique Omakowski hat gesagt…

Zur Armee in Israel habe ich auch etwas geschrieben:

http://blog.omakowski.com/2008/04/18/frauen-in-der-israelischen-armee/

http://blog.omakowski.com/2007/09/02/schule-army-trip/